Das Gefühl, betrogen worden zu sein

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Gerade geistert der Clip der Modemarke Wren mit den schicken Küssern durchs Netz, kurz nachdem Supergeil, den ich weiter unten verlinkt habe, für Furore gesorgt hat. Auf Facebook zeigen sich Menschen geradezu angekotzt von der Erkenntnis, wie so genannte „virale“ Clips von der Industrie gepusht werden. Blogger werden bezahlt, um über die Clips zu schreiben etc.
Ein interessantes Phänomen, auf das man achten sollte. Zu viel vorgegaukelte Authentizität scheint User zu ärgern. Besonders wenn so direkt Emotionen angesprochen werden wie in „First Kiss“. Eventuell sollten Marken wieder dazu übergehen, sich als Absender deutlicher zu machen, anstatt den Usern Content „unterzujubeln“. Wäre wert, darüber nachzudenken. Schließlich wollen Clips, dass man sie mag. Hinterher zu merken, dass sie von einer Marke stammen kann ein Gefühl hinterlassen, wie von einem Liebhaber betrogen worden zu sein.

Eventuell befinden wir uns in Phase II des viralen Marketings.

Interessant an dem Clip ist auch die Mischung aus werberischer Ästhetik und sozialem Experiment und die geradezu vorhersehbare Integration homosexueller Paare. Eventuell ein neuer Standard.

Im Kopf umparken

http://www.youtube.com/watch?v=2djRMoYpiP4

Mit einem viralen Clip macht Opel derzeit auf sich aufmerksam machen. Hintergrund ist das Negativ-Image, unter dem die Marke leidet und das sie nun bekämpfen möchte.
Über die Krücke „Vorurteile“ möchte sie potentielle Autokäufer also davon überzeugen, dass nicht jeder Popel einen Opel fährt, sondern man sich die neue Produktpalette ganz vorurteilsfrei anschauen soll.
Aber ob diese Verbindung im Kopf der Konsumenten funktioniert? Mir persönlich fehlt der Abbinder am Ende, die Auflösung und der Verweis auf den Opel-Konzern. Es zeigt sich immer wieder, dass große Unternehmen ganz schön im eigenen Saft schmoren, wenn sie denken, dass sich Konsumenten vor Überraschung gar nicht mehr einkriegen, wenn sie erfahren, dass Opel so eine tolle Anti-Vorurteils-Kampagne im Netz organisiert hat und sich sogar Joachim Krol, Ken Duken oder ähnliche bekannte Schauspieler dafür ins Boot oder besser Auto holt.
Darüber hinaus möchte ich als Verbraucherin auch nicht von Autokonzernen darüber belehrt werden, dass Vorurteile doof sind, denn das ist mir selbst zumindest theoretisch durchaus bewusst. Der Ansatz „Liebe kleine doofe Konsumenten, ich erklär euch jetzt mal die Welt“, ist anmaßend. Vor allem, wenn man bereits mit Absatzproblemen zu kämpfen hat. Man hätte doch das ADAC-Preise-Debakel viral für Opel nutzen können und zwar auf sehr humorvoll-sarkastische Weise. Opel hat wenig zu verlieren, ein wenig mehr rebellisch-kämpferische Haltung hätte mir wesentlich besser gefallen als eine Gardinenpredigt von der Stange.

Supergeil?

Jung von Matt hat für Edeka einen viralen Spot ins Netz gestellt, der dem Lebensmittel-Discounter eine Portion Hipness verpassen soll. Ein cooler Opa singt darin „Supergeil“ und hält Edeka-Produkte in die Kamera. Mir persönlich fehlt da ein wenig die Pointe, aber der Zielgruppe 12-25 die vermutlich angepeilt wird, könnte der Spot gefallen. Hohe Klickraten wurden jedenfalls erreicht. Die Strategie der Agentur, den Clip durch bezahlte Blogger zu stützen, ging somit auf. Die Blogger gaben in ihren Beiträgen übrigens an, dass es sich um einen Werbe-Blogbeitrag handelt, hat der Mission nicht geschadet.

Mercedes überfährt Klein-Adolf

Der folgende Clip einiger Filmstudenten macht gerade im Netz von sich reden. Diese Art von Humor mit der Brechstange und dem Verweis auf den Nationalsozialismus ist jetzt nicht so meins, aber immerhin zeigen die Studis, dass man mit ein wenig Story und Mut einen Autospot „viralisieren“ kann.
Der Clip wurde von den Filmstudenten Tobias Haase, Jan Mettler und Lydia Lohse produziert und ist für den Nachwuchspreis „First Steps“ nominiert. Daimler gab am Samstag bekannt, dass man es unangemessen finde, den Tod eines Kindes „sowie Inhalte mit einem Bezug zum Nationalsozialismus in einem Werbespot“ zu verwenden – „auch wenn es sich hier nur um einen «fiktiven» Werbespot handelt.“ (Quelle: ksta.de)
Die Firma mit dem Stern sollte vielleicht das Moralin ein wenig rationieren und stattdessen dankbar sein, dass die Marke im Netz diskutiert wird. Vermutlich ist es aber so gelaufen, dass die Studis das Werk zur Kenntnisnahme vorab ans Unternehmen geschickt haben. Mercedes profitiert so von der ungewohnten Netzaufmerksamkeit, ohne sich selbst die Reifen schmutzig zu machen.

PS: Im 3. Reich hat Mercedes Benz übrigens Zwangsarbeiter ausgebeutet und kräftig an der Aufrüstung verdient, sich also keineswegs als Hitler-Attentäter Brutstätte hervorgetan.